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Zeig mir deine Visitenkarte und ich sag dir, wer du bist!

12.03.2026
/
12 min.
von
Lena Steinke
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Ich bin gerade dabei, neue Visitenkarten für mich erstellen. Derzeit verteile ich kleine illustrierte Sticker mit meinem Logo, Namen und Webadresse auf der Rückseite. Das funktioniert erstaunlich gut und sorgt immer für kleine Lacher, weil es nicht einfach nur eine Visitenkarte ist, sondern genutzt werden kann. Eigentlich eine schöne Idee, aber derzeit noch ein Übergang, bis ich mit dem finalen Brand Refresh auch wirkliche Karten produzieren lasse.
Daher versinke ich gerade in Papiermustern und mache mir Gedanken über Veredelungen. Möchte ich lieber eine Blindprägung oder bleibe ich bei der braunen Folienprägung wie bei meinen alten Karten? Farbschnitt? Letterpress? Hmm, alles lecker, wären da nur nicht diese hohen Kosten.
Natürlich mache ich mir über die Kosten auch Gedanken, aber meine Liebe zu Papier ist da oft größer als mein geschäftlicher Verstand. Bei Visitenkarten wird nicht gespart. Und das hat einen Grund.
Denn die Visitenkarte ist immer noch ein Aushängeschild. In einer Welt, in der so viel digital abläuft, ist die physische Karte einer der letzten echten Berührungspunkte. Die Visitenkarte ist oft der erste haptische Eindruck deiner Marke. Und genau deshalb lohnt es sich, der Identität deiner Marke auch in diesem kleinen Format anhand von Gestaltung und Haptik gerecht zu werden.

Meine alten Visitenkarten (Colorplan Papier mit Folienprägung) passen leider nicht mehr. Mein Brand Design hat sich verändert, aber auch meine Ausrichtung. Diese waren nur für mein Fotografie Business, das sich eher an Privatpersonen richtete und einen internationalen Markt bediente.
Dieser Artikel ist vielleicht etwas nerdiger, hier kommen ein paar Dinge, die man meine Meinung nach bei einer Visitenkarte sehr gerne beachten darf:
Papiere und Grammatur
Deine Visitenkarte verrät mehr über dein Business, als das, was du selbst über dein Business sagst. Du meinst, du sprichst High-Class-Luxuskunden an, übergibst aber eine einseitig bedruckte Visitenkarte auf 250 g/m² Grammatur von WIRmachenDruck oder Flyeralerm? Hmm, das passt nicht zusammen.
Eine zu dünne Karte fühlt sich nach Übergang an. Irgendwie nach “muss erst mal reichen” und dann wird sie oft einfach so gelassen. Beim Übergeben der Karte wird dann gesagt, dass man gerade erst startet und erst mal was haben wollte. Eine schwere, dickere Karte mit z.B. 540 g/m² Grammatur hingegen, wirkt selbstbewusst, klar und wie “ich bin angekommen”.


Aber es ist nicht nur die Papierstärke, sondern auch das Papier selbst. Die günstigste Option ist meist Standard Bilderdruckpapier. Natürlich ist dies auch oft der “Bestseller” bei Onlinedruckereien. Dieses Papier ist günstig, oft reinweiß und austauschbar. Dieses gibt es meist in glänzend (gestrichen) oder matt (ungestrichen). Wenn ich müsste, würde ich immer ungestrichenes Papier wählen, weil es sich für mich einfach natürlicher anfühlt.
Dann gibt es Naturpapiere oder Recyclingpapier. Für mich ist das oft ein Zeichen, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat. Es ist die ökologischere Wahl und fühlt sich oft auch schöner an.
Wer noch tiefer geht, landet schnell bei Spezialpapieren. Und hier fängt es für mich an, wirklich interessant zu werden. Das ist meine Welt! Sobald mich jemand nach Empfehlungen fragt, hole ich meine große Box mit Mustern raus und meinen gehüteten Schatz, die Gmund Paper Search Engine, oder wie sie bei einem Papier Event mal genannt wurde: Paper Love Machine. Genau das ist sie.

Ich habe ein paar Papier Favoriten:
Munken Papier:
Munken ist ein hochwertiges ungestrichenes Naturpapier, das im schwedischen Munkedal von Arctic Paper produziert wird. Es wird sehr gerne für Bücher oder Geschäftsausstattung genutzt. Munken Papier hat eine leicht cremige, warme Oberfläche, die sich anders anfühlt als Standard-Naturpapier. Es wirkt weicher und irgendwie einladender. Munken Papiere findet man auch recht häufig bei Onlinedruckereien und ist für mich immer eine gute Wahl, falls es sonst nur Bilderdruckpapier gibt.
Fedrigoni:
Fedrigoni klingt schon edel und lässt keine Wünsche offen. Fedrigoni ist eine italienische Papiermanufaktur mit einer riesigen Kollektion. Die Auswahl reicht von strukturierten Oberflächenpapieren bis hin zu metallisch schimmernden Varianten. Wer schon mal ein Fedrigoni-Musterbuch in der Hand hatte, weiß, dass man hier nicht durchblättern, sondern jedes Papier erst einmal anfassen muss.
Gmund:
Gmund ist ein deutscher Papierhersteller aus der gleichnamigen Gemeinde am Tegernsee und erfindet Papier immer wieder neu. Papier wird hier schon lange nicht mehr nur noch aus Holz hergestellt. Gmund hat es sich zur Aufgabe gemacht, Papier mit umweltschonenden Verfahren, erneuerbaren Rohstoffen und fortschrittlicher Technologie neu zu erfinden. So gibt es Papiere, die aus natürlichen Materialien wie Heu, Hanf, Kaffee, oder Bambus hergestellt werden. Es sieht ungewöhnlich aus, fühlt sich besonders an und erzählt allein durch die Materialität und Zusammensetzung schon eine Geschichte.
Ein gutes Beispiel wäre eine Brauerei, die Gmund Bier Papier bestehend aus Hopfen, Malz und Zellstoff nutzt oder ein nachhaltiges Modelabel, das Gmund Cotton Papier, hergestellt aus reiner Baumwolle, für Hangtags oder Karten verwendet.


Colorplan:
Farbe ist ein großer Bestandteil einer Markenidentität. Am besten wirkt sie, wenn das Papier selbst schon farbig ist, nicht nur der Druck. Die Colorplan Papiere von G.F Smith liebe ich, weil sie so eine breite Palette an satten, tiefen Farbtönen haben. Das Besondere an diesen Papieren ist, dass die Farbe durch das gesamte Papier geht, nicht nur die Oberfläche. Das bedeutet, auch der Schnitt der Karte hat Farbe. Kleine Details, die aber eine große Wirkung haben.

Es gibt so viele tolle Papiere, die durch Farbigkeit, Zusammensetzung und Haptik viel zur Gesamtwirkung beitragen können. Es geht also nicht nur um die Gestaltung auf dem Papier, sondern fängt schon bei der Papierwahl selbst an.
Und dann gibt es noch die ganz andere Kategorie: ungewöhnliche Materialien anstatt Papier. Visitenkarten aus dünnem Holzfurnier, aus transparentem Kunststoff, aus Metall, aus sogar aus Stoff. Diese Karten überraschen und man wirft sie oft nicht so einfach weg. Das hat natürlich seinen Preis und es muss wirklich zur Marke passen. Eine Holzkarte für einen Holzhandel wäre absolut stimmig. Dieselbe Karte für eine Steuerkanzlei mehr als unpassend.
Die Veredelungen
Papier alleine ist nicht alles. Noch haptischer und einzigartiger wird es durch Veredelungen. Man sollte sich jedoch wirklich Gedanken machen, was zur Marke passt.


Folienprägung:
Eine Folienprägung ist wohl die bekannteste Veredelung. Gleichzeitig ist es die, die meiner Meinung nach am häufigsten falsch eingesetzt wird. Mir wurden auf Events schon viele Visitenkarten in die Hand gedrückt, die sich irgendwie nicht gut anfühlten. Glattes, dünnes Papier, abgerundete Ecken, generisches Design, aber ein schnörkeliges Logo mit Goldfolie veredelt. Was irgendwie hochwertig und “premium” wirken soll, geht hier schnell in eine falsche Richtung und wirkt ganz schnell genau gegenteilig, nämlich “billig”. Dabei hat man doch für die Goldfolie extra drauf gezahlt! Verdammt!
Eine Folienprägung gezielt und in der richtigen Farbkombination eingesetzt hingegen, kann sehr edel und hochwertig wirken. Es ist ein schmaler Grad, der nicht nur von der Gestaltung, sondern auch von Papier, Haptik und Farbigkeit abhängt. Es gibt Folien in verschiedenen Farben. Für meine alten Visitenkarten habe ich z.B. eine dunkelbraune Folie auf einem cremefarbenen Colorplan Papier verwendet. Es schimmert leicht im Licht, wirkt reduziert, geerdet und hochwertig. Eine Folienprägung funktioniert dann am besten, wenn sie zur Marke passt, nicht wenn sie Luxus simulieren soll.

Blindprägung:
Es muss gar keine Folie sein. Eine Blindprägung ist eine elegante, mutige Entscheidung für Puristen. Eine Blindprägung ist, wie der Name schon verrät, rein haptisch. Es gibt weder Glanz, noch Farbe. Man sieht die Prägung kaum, aber man fühlt sie.

Letterpress:
Letterpress ist eine Hochdruckprägung. Diese Drucktechnik, die Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts mitprägte, wurde zwar weiterentwickelt, wird aber immer noch oft von kleinen Manufakturen umgesetzt. Bei diesem traditionellen Druckverfahren, wird das Motiv mit Druck in das Papier gepresst. Das Ergebnis ist ein leicht eingedrücktes Schriftbild, das man sowohl sehen als auch fühlen kann. Es wirkt handwerklich und besonders gut auf dicken, weichen Papieren. Da Letterpress meist mit echtem Handwerk in Verbindung steht, ist es oft eine sehr teure Option, die aber einfach hochwertig wirkt.

Farbschnitte:
Farbschnitte sind der Beweis dafür, dass kleine Details manchmal reichen. Bei einem Farbschnitt werden die Schnittkanten der Visitenkarte eingefärbt, oft in einer Kontrastfarbe zur Karte selbst. Von vorne wirkt die Karte dann oft ruhig und reduziert, sobald man sie dreht, nimmt man den Kontrast wahr. Bei Büchern bin ich kein all zu großer Fan von Farbschnitten. Bei Visitenkarten kann dezent eingesetzte Farbe jedoch sehr überraschend wirken.
Lack:
Lack kann als Glanzlack oder matter Lack, als Vollflächenlack oder als partieller Spotlack verwendet werden. Besonders der Spotlack kann interessant sein, um bestimmte Elemente hervorzuheben, während der Rest der Karte matt bleibt. Das erzeugt einen subtilen Kontrast, der erst im richtigen Licht sichtbar wird. Vollflächenlack ist nicht mein Ding. Da kann man eigentlich direkt ein passendes Papier nehmen. UV-Lack geht noch einen Schritt weiter und erzeugt einen fast plastischen Glanzeffekt. Ich persönlich finde, dieser kann sehr schnell billig wirken, wenn er nicht zur Marke passt. Für eine Lackierei wäre eine Lack Veredelung wiederum sehr passend.
Das Format
Das Standardformat einer Visitenkarte ist 85 x 55 mm. Warum eigentlich? Weil es in jede Brieftasche passt, in jeden Kartenhalter und in jede Erwartung. Es ist das Format, das niemanden überrascht und genau das ist sowohl seine Stärke als auch seine Schwäche.
Dieses Standardformat ist nicht falsch. Für viele Marken ist es die richtige Wahl und ich nutze es auch. Es gibt aber durchaus andere Möglichkeiten, falls man sich nicht nur über Papier, Haptik oder Veredelungen abheben möchte.

Quadratisch:
Ein quadratisches Format ist wohl die häufigste Abweichung vom Standard. Diese Option gibt es inzwischen auch oft als direkte Auswahlmöglichkeit. Ein quadratisches Format wirkt symmetrisch und setzt ein Statement anders sein zu wollen. Es hat auch etwas räumliches. Dies wäre eine gute Option für Marken, die mit klaren Formen agieren oder das Quadrat als wiederkehrendes Element in ihrem Brand Design verankert haben. So würde es sich durchziehen.
Abgerundete Ecken:
Abgerundete Ecken wirken oft weich und freundlich. Irgendwie lieblich aber auch unentschlossen. Dies ist ebenfalls eine Option, die man oft bei Onlinedruckereien auswählen kann und die dann gewählt wird, damit man “irgendwie etwas Besonderes” hat. Es ist eine Designentscheidung, die zur Marke passen sollte.
Konturschnitt:
Ein Format muss nicht zwangsläufig rechteckig sein. Mit einem individuellen Stanzschnitt, einem Konturschnitt, kann die Visitenkarte jede beliebige Form annehmen.
Konturschnitte sind das maximale Statement in der Formfrage. Sie sind aber auch aufwendiger und erfordern eine wirklich durchdachte Idee dahinter. Eine ungewöhnliche Form zu nutzen, nur weil man es will, wirkt schnell gewollt. Die Form sollte eine direkte Verbindung zur Marke haben und unterstützend wirken.
Ebenfalls möglich sind Stanzungen innerhalb der Karte, also ausgestanzte Elemente, Löcher oder Ausschnitte im Papier, die einen Durchblick erzeugen. Durch ein ausgestanztes Logo zum Beispiel schimmert die Tischfläche oder die Hand der Person durch, die die Karte hält.
Typografie & Gestaltung
Ich habe nun genug über Papier, Veredelung und Format abgenerdet. Natürlich kommt es auch darauf an, was auf der Karte selbst passiert. Und oft passiert zu viel…
Letztens habe ich auf einem Event fünf Visitenkarten bekommen und auf drei von diesen war ein Portrait der jeweiligen Person drauf gedruckt. Also neben den vielen anderen Informationen. Die Karten waren einfach viel zu voll. Und ich verstehe es. Eine Visitenkarte hat nicht viel Platz und man möchte ja irgendwie alles unterbringen, bloß nichts vergessen und möglichst viel sagen. Dabei ist weniger hier oft mehr. Weißraum, das ist eine bewusst freigelassene Fläche im Layout, wirkt selbstbewusst und lässt eine Visitenkarte atmen.

Eine Visitenkarte ist kein Lebenslauf. Sie muss nicht alles erklären, jeden Kanal und jede Kontaktmöglichkeit auflisten. Sie muss nur einen einzigen Impuls setzen und das ist, dass man mehr über dich und deine Marke erfahren möchte. Wer bist du? Was machst du? Wie kann man dich erreichen?
Ich könnte nun über Schriften, Farben und Logoelemente sprechen, aber das wäre ein eigener Artikel. Natürlich ist nichts davon Zufall und man sollte sowohl auf Lesbarkeit, als auch Wirkung achten. Visitenkarten werden gerne schnell mal eben gestaltet und produziert, sind aber wichtiger Bestandteil einer Markenidentität. Es ist oft das erste Medium, auf das ein entwickeltes Brand Design übertragen wird.
Eine Visitenkarte hat grundsätzlich zwei Seiten, aber man muss nicht beide nutzen. Man sieht häufig entweder komplett vollgepackte Rückseiten, oder gänzlich leere. Vielleicht weil der einseitige Druck günstiger war (schade!) oder aber, weil man diese bewusst frei gelassen hat. Eine leere Rückseite kann nämlich super sein, falls man oft etwas händisch notiert und beim überreichen der Karte individuelle Infos mitgeben möchte. Es kann also eine sehr bewusste Entscheidung sein.
Man merkt, dass eine Visitenkarte vielleicht gar nicht so schnell mal eben zu gestalten und produzieren ist und man sich vorher im klaren sein sollte, was man auslösen möchte. Was mir oft auffällt, ist fehlende Konsistenz. Eine Visitenkarte sollte nicht nur den Zweck erfüllen, deine Daten weiterzugeben. Das kann man auch über einen Kontakteintrag im Handy machen. Eine Visitenkarte sollte sich in deine komplette Welt einfügen, bereits ein Gefühl vermitteln und neugierig machen. Sie sollte sich nach derselben Marke anfühlen, der man auch auf der Website oder auf dem Instagram Account begegnet.

Papier, Veredelungs- und Formatentscheidungen sagen oft mehr aus, als der geschriebene Inhalt auf einer Visitenkarte.
Visitenkarten Archetypen. Erkennst du dich?
Ich habe schon viele Visitenkarten gestaltet und in der Hand gehalten. Man erhält eine Karte und weiß oft innerhalb von Sekunden, ob sich die Person wirklich Gedanken gemacht hat oder halt nicht. Hier sind ein paar Kartentypen, die mir immer wieder begegnen:
Die Überladene
Logo, Name, Jobtitel, Untertitel des Jobtitels, Telefon, Mobil, E-Mail, Website, Instagram, LinkedIn, Adresse, ein winziges Foto, auf dem man kaum etwas erkennen kann und wie wärs noch mit einem QR-Code. Das Papier ist dünn, die Schrift klein und irgendwo in der Mitte wäre Goldfolie auch noch gut, oder? Man merkt, dass hier jemand Angst hatte, nicht gesehen zu werden und irgendetwas Wichtiges zu vergessen. Aber genau das Gegenteil passiert. Man weiß nach dem Lesen nicht mehr als vorher, weil man gar nicht weiß wo man anfangen soll.
Die Günstige
250 g/m² Grammatur, reinweiß, einseitig bedruckt. Schwarzer Text in Arial, ein Canva-Template-"Logo". Schnell gestaltet, schnell bestellt, schnell produziert und schnell vergessen. Man merkt der Karte an, dass sie eine Übergangslösung ist. Der Übergang dauert nun schon drei Jahre. Man dachte für den Start erst mal eine günstige Karte. Ich denke: dann lieber gar keine Karte als eine, die sagt "ich nehme meine eigene Marke nicht ernst.”
Die Mutige:
Eine Karte, ungewöhnlich schmal. Schweres Naturpapier, fühlt sich gut an, mit leichter Struktur. Ein Name, eine E-Mail. Nichts weiter. Auf der Rückseite eine einzige Zeile, klein gesetzt. Man dreht die Karte mehrmals um, weil man sicher ist, etwas übersehen zu haben. Hat man nicht. Das ist alles. Sie ist puristisch. Man fragt sich: wer ist das? Dann geht man auf die super reduzierte Website, findet alles, was man wissen muss und das Gesamtbild wirkt. Genau das war der Plan.
Die Halbherzige
Das Branding ist eigentlich gut. Die Website ist durchdacht, der Instagram-Feed stimmig, die Farbwelt wirkt. Und dann reicht jemand eine Karte rüber, die aussieht als wäre sie in zehn Minuten bei einer Onlinedruckerei zusammengeklickt worden. Vermutlich weil man sie für etwas ganz schnell brauchte. Eine Messe oder ein Event stand an. Da musste fix was her. Was, Letterpress dauert 10 Tage? Mist, dann doch erst mal das Zweitbeste! Das passiert erstaunlich oft. Mit dieser Visitenkarte könnte eine sorgfältig aufgebaute Welt zum ersten Mal haptisch wirken. Zeitdruck hat diese Chance zunichte gemacht. Schade drum.
Die Effekthaschende
Eine Karte aus Metall. Oder in Form einer Kamera, weil man Fotografin ist. Oder mit einem eingebauten NFC-Chip der auf die Website weiterleitet, was aber natürlich niemand weiß, weil es nirgends erklärt wird. Der Gedanke dahinter ist richtig: überraschen und in Erinnerung bleiben. Aber der Effekt, überraschen zu wollen, übertönt oft die eigentliche Botschaft. Man redet dann nämlich über die Karte, nicht über die Person dahinter.
Die Konsequente
Man hält sie in der Hand und hat das Gefühl, die Karte passt zur Marke oder zur Person. Das Papier schmiegt sich in die Farbwelt der Website ein. Die Schrift ist dieselbe wie im Instagram-Feed. Das Logo sitzt ruhig und selbstsicher. Eine Tagline zeigt Haltung. Die Karte fällt gar nicht all zu sehr auf, wirkt aber wie eine natürliche Ergänzung der Person oder Marke. Eine Visitenkarte muss nicht “Hier bin ich” schreien, sondern “Das bin ich”.
Und meine?
Ich bin noch dabei. Die Sticker haben ihren Job ganz gut gemacht. Sie haben überrascht und wurden verklebt (hoffe ich). Ich habe sie aus Spaß produziert, gar nicht so sehr als Kartenersatz. Aber sie waren zum Überbrücken da und das wusste ich.
Meine nächste Karte soll unter den Archetypen “Die Konsequente” fallen. Schweres Papier, warm, mit Struktur. Eine Veredelung, aber noch nicht entschieden ob Blindprägung oder doch wieder Folie. Dieses Mal vielleicht ein anders farbiges Colorplan Papier oder eines der Gmund Mother Earth Collection. Leider passt dort die Farbe nicht so ganz. Inhalt: Name, Website, E-Mail. Vielleicht meine Brandmark oder meine Tagline. Und das Papier macht den Rest. Ich zeige sie, wenn sie fertig ist.
Bis dahin, gib du mir deine Visitenkarte. Ich sag dir, wer du bist.
Ich bin gerade dabei, neue Visitenkarten für mich erstellen. Derzeit verteile ich kleine illustrierte Sticker mit meinem Logo, Namen und Webadresse auf der Rückseite. Das funktioniert erstaunlich gut und sorgt immer für kleine Lacher, weil es nicht einfach nur eine Visitenkarte ist, sondern genutzt werden kann. Eigentlich eine schöne Idee, aber derzeit noch ein Übergang, bis ich mit dem finalen Brand Refresh auch wirkliche Karten produzieren lasse.
Daher versinke ich gerade in Papiermustern und mache mir Gedanken über Veredelungen. Möchte ich lieber eine Blindprägung oder bleibe ich bei der braunen Folienprägung wie bei meinen alten Karten? Farbschnitt? Letterpress? Hmm, alles lecker, wären da nur nicht diese hohen Kosten.
Natürlich mache ich mir über die Kosten auch Gedanken, aber meine Liebe zu Papier ist da oft größer als mein geschäftlicher Verstand. Bei Visitenkarten wird nicht gespart. Und das hat einen Grund.
Denn die Visitenkarte ist immer noch ein Aushängeschild. In einer Welt, in der so viel digital abläuft, ist die physische Karte einer der letzten echten Berührungspunkte. Die Visitenkarte ist oft der erste haptische Eindruck deiner Marke. Und genau deshalb lohnt es sich, der Identität deiner Marke auch in diesem kleinen Format anhand von Gestaltung und Haptik gerecht zu werden.

Meine alten Visitenkarten (Colorplan Papier mit Folienprägung) passen leider nicht mehr. Mein Brand Design hat sich verändert, aber auch meine Ausrichtung. Diese waren nur für mein Fotografie Business, das sich eher an Privatpersonen richtete und einen internationalen Markt bediente.
Dieser Artikel ist vielleicht etwas nerdiger, hier kommen ein paar Dinge, die man meine Meinung nach bei einer Visitenkarte sehr gerne beachten darf:
Papiere und Grammatur
Deine Visitenkarte verrät mehr über dein Business, als das, was du selbst über dein Business sagst. Du meinst, du sprichst High-Class-Luxuskunden an, übergibst aber eine einseitig bedruckte Visitenkarte auf 250 g/m² Grammatur von WIRmachenDruck oder Flyeralerm? Hmm, das passt nicht zusammen.
Eine zu dünne Karte fühlt sich nach Übergang an. Irgendwie nach “muss erst mal reichen” und dann wird sie oft einfach so gelassen. Beim Übergeben der Karte wird dann gesagt, dass man gerade erst startet und erst mal was haben wollte. Eine schwere, dickere Karte mit z.B. 540 g/m² Grammatur hingegen, wirkt selbstbewusst, klar und wie “ich bin angekommen”.


Aber es ist nicht nur die Papierstärke, sondern auch das Papier selbst. Die günstigste Option ist meist Standard Bilderdruckpapier. Natürlich ist dies auch oft der “Bestseller” bei Onlinedruckereien. Dieses Papier ist günstig, oft reinweiß und austauschbar. Dieses gibt es meist in glänzend (gestrichen) oder matt (ungestrichen). Wenn ich müsste, würde ich immer ungestrichenes Papier wählen, weil es sich für mich einfach natürlicher anfühlt.
Dann gibt es Naturpapiere oder Recyclingpapier. Für mich ist das oft ein Zeichen, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat. Es ist die ökologischere Wahl und fühlt sich oft auch schöner an.
Wer noch tiefer geht, landet schnell bei Spezialpapieren. Und hier fängt es für mich an, wirklich interessant zu werden. Das ist meine Welt! Sobald mich jemand nach Empfehlungen fragt, hole ich meine große Box mit Mustern raus und meinen gehüteten Schatz, die Gmund Paper Search Engine, oder wie sie bei einem Papier Event mal genannt wurde: Paper Love Machine. Genau das ist sie.

Ich habe ein paar Papier Favoriten:
Munken Papier:
Munken ist ein hochwertiges ungestrichenes Naturpapier, das im schwedischen Munkedal von Arctic Paper produziert wird. Es wird sehr gerne für Bücher oder Geschäftsausstattung genutzt. Munken Papier hat eine leicht cremige, warme Oberfläche, die sich anders anfühlt als Standard-Naturpapier. Es wirkt weicher und irgendwie einladender. Munken Papiere findet man auch recht häufig bei Onlinedruckereien und ist für mich immer eine gute Wahl, falls es sonst nur Bilderdruckpapier gibt.
Fedrigoni:
Fedrigoni klingt schon edel und lässt keine Wünsche offen. Fedrigoni ist eine italienische Papiermanufaktur mit einer riesigen Kollektion. Die Auswahl reicht von strukturierten Oberflächenpapieren bis hin zu metallisch schimmernden Varianten. Wer schon mal ein Fedrigoni-Musterbuch in der Hand hatte, weiß, dass man hier nicht durchblättern, sondern jedes Papier erst einmal anfassen muss.
Gmund:
Gmund ist ein deutscher Papierhersteller aus der gleichnamigen Gemeinde am Tegernsee und erfindet Papier immer wieder neu. Papier wird hier schon lange nicht mehr nur noch aus Holz hergestellt. Gmund hat es sich zur Aufgabe gemacht, Papier mit umweltschonenden Verfahren, erneuerbaren Rohstoffen und fortschrittlicher Technologie neu zu erfinden. So gibt es Papiere, die aus natürlichen Materialien wie Heu, Hanf, Kaffee, oder Bambus hergestellt werden. Es sieht ungewöhnlich aus, fühlt sich besonders an und erzählt allein durch die Materialität und Zusammensetzung schon eine Geschichte.
Ein gutes Beispiel wäre eine Brauerei, die Gmund Bier Papier bestehend aus Hopfen, Malz und Zellstoff nutzt oder ein nachhaltiges Modelabel, das Gmund Cotton Papier, hergestellt aus reiner Baumwolle, für Hangtags oder Karten verwendet.


Colorplan:
Farbe ist ein großer Bestandteil einer Markenidentität. Am besten wirkt sie, wenn das Papier selbst schon farbig ist, nicht nur der Druck. Die Colorplan Papiere von G.F Smith liebe ich, weil sie so eine breite Palette an satten, tiefen Farbtönen haben. Das Besondere an diesen Papieren ist, dass die Farbe durch das gesamte Papier geht, nicht nur die Oberfläche. Das bedeutet, auch der Schnitt der Karte hat Farbe. Kleine Details, die aber eine große Wirkung haben.

Es gibt so viele tolle Papiere, die durch Farbigkeit, Zusammensetzung und Haptik viel zur Gesamtwirkung beitragen können. Es geht also nicht nur um die Gestaltung auf dem Papier, sondern fängt schon bei der Papierwahl selbst an.
Und dann gibt es noch die ganz andere Kategorie: ungewöhnliche Materialien anstatt Papier. Visitenkarten aus dünnem Holzfurnier, aus transparentem Kunststoff, aus Metall, aus sogar aus Stoff. Diese Karten überraschen und man wirft sie oft nicht so einfach weg. Das hat natürlich seinen Preis und es muss wirklich zur Marke passen. Eine Holzkarte für einen Holzhandel wäre absolut stimmig. Dieselbe Karte für eine Steuerkanzlei mehr als unpassend.
Die Veredelungen
Papier alleine ist nicht alles. Noch haptischer und einzigartiger wird es durch Veredelungen. Man sollte sich jedoch wirklich Gedanken machen, was zur Marke passt.


Folienprägung:
Eine Folienprägung ist wohl die bekannteste Veredelung. Gleichzeitig ist es die, die meiner Meinung nach am häufigsten falsch eingesetzt wird. Mir wurden auf Events schon viele Visitenkarten in die Hand gedrückt, die sich irgendwie nicht gut anfühlten. Glattes, dünnes Papier, abgerundete Ecken, generisches Design, aber ein schnörkeliges Logo mit Goldfolie veredelt. Was irgendwie hochwertig und “premium” wirken soll, geht hier schnell in eine falsche Richtung und wirkt ganz schnell genau gegenteilig, nämlich “billig”. Dabei hat man doch für die Goldfolie extra drauf gezahlt! Verdammt!
Eine Folienprägung gezielt und in der richtigen Farbkombination eingesetzt hingegen, kann sehr edel und hochwertig wirken. Es ist ein schmaler Grad, der nicht nur von der Gestaltung, sondern auch von Papier, Haptik und Farbigkeit abhängt. Es gibt Folien in verschiedenen Farben. Für meine alten Visitenkarten habe ich z.B. eine dunkelbraune Folie auf einem cremefarbenen Colorplan Papier verwendet. Es schimmert leicht im Licht, wirkt reduziert, geerdet und hochwertig. Eine Folienprägung funktioniert dann am besten, wenn sie zur Marke passt, nicht wenn sie Luxus simulieren soll.

Blindprägung:
Es muss gar keine Folie sein. Eine Blindprägung ist eine elegante, mutige Entscheidung für Puristen. Eine Blindprägung ist, wie der Name schon verrät, rein haptisch. Es gibt weder Glanz, noch Farbe. Man sieht die Prägung kaum, aber man fühlt sie.

Letterpress:
Letterpress ist eine Hochdruckprägung. Diese Drucktechnik, die Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts mitprägte, wurde zwar weiterentwickelt, wird aber immer noch oft von kleinen Manufakturen umgesetzt. Bei diesem traditionellen Druckverfahren, wird das Motiv mit Druck in das Papier gepresst. Das Ergebnis ist ein leicht eingedrücktes Schriftbild, das man sowohl sehen als auch fühlen kann. Es wirkt handwerklich und besonders gut auf dicken, weichen Papieren. Da Letterpress meist mit echtem Handwerk in Verbindung steht, ist es oft eine sehr teure Option, die aber einfach hochwertig wirkt.

Farbschnitte:
Farbschnitte sind der Beweis dafür, dass kleine Details manchmal reichen. Bei einem Farbschnitt werden die Schnittkanten der Visitenkarte eingefärbt, oft in einer Kontrastfarbe zur Karte selbst. Von vorne wirkt die Karte dann oft ruhig und reduziert, sobald man sie dreht, nimmt man den Kontrast wahr. Bei Büchern bin ich kein all zu großer Fan von Farbschnitten. Bei Visitenkarten kann dezent eingesetzte Farbe jedoch sehr überraschend wirken.
Lack:
Lack kann als Glanzlack oder matter Lack, als Vollflächenlack oder als partieller Spotlack verwendet werden. Besonders der Spotlack kann interessant sein, um bestimmte Elemente hervorzuheben, während der Rest der Karte matt bleibt. Das erzeugt einen subtilen Kontrast, der erst im richtigen Licht sichtbar wird. Vollflächenlack ist nicht mein Ding. Da kann man eigentlich direkt ein passendes Papier nehmen. UV-Lack geht noch einen Schritt weiter und erzeugt einen fast plastischen Glanzeffekt. Ich persönlich finde, dieser kann sehr schnell billig wirken, wenn er nicht zur Marke passt. Für eine Lackierei wäre eine Lack Veredelung wiederum sehr passend.
Das Format
Das Standardformat einer Visitenkarte ist 85 x 55 mm. Warum eigentlich? Weil es in jede Brieftasche passt, in jeden Kartenhalter und in jede Erwartung. Es ist das Format, das niemanden überrascht und genau das ist sowohl seine Stärke als auch seine Schwäche.
Dieses Standardformat ist nicht falsch. Für viele Marken ist es die richtige Wahl und ich nutze es auch. Es gibt aber durchaus andere Möglichkeiten, falls man sich nicht nur über Papier, Haptik oder Veredelungen abheben möchte.

Quadratisch:
Ein quadratisches Format ist wohl die häufigste Abweichung vom Standard. Diese Option gibt es inzwischen auch oft als direkte Auswahlmöglichkeit. Ein quadratisches Format wirkt symmetrisch und setzt ein Statement anders sein zu wollen. Es hat auch etwas räumliches. Dies wäre eine gute Option für Marken, die mit klaren Formen agieren oder das Quadrat als wiederkehrendes Element in ihrem Brand Design verankert haben. So würde es sich durchziehen.
Abgerundete Ecken:
Abgerundete Ecken wirken oft weich und freundlich. Irgendwie lieblich aber auch unentschlossen. Dies ist ebenfalls eine Option, die man oft bei Onlinedruckereien auswählen kann und die dann gewählt wird, damit man “irgendwie etwas Besonderes” hat. Es ist eine Designentscheidung, die zur Marke passen sollte.
Konturschnitt:
Ein Format muss nicht zwangsläufig rechteckig sein. Mit einem individuellen Stanzschnitt, einem Konturschnitt, kann die Visitenkarte jede beliebige Form annehmen.
Konturschnitte sind das maximale Statement in der Formfrage. Sie sind aber auch aufwendiger und erfordern eine wirklich durchdachte Idee dahinter. Eine ungewöhnliche Form zu nutzen, nur weil man es will, wirkt schnell gewollt. Die Form sollte eine direkte Verbindung zur Marke haben und unterstützend wirken.
Ebenfalls möglich sind Stanzungen innerhalb der Karte, also ausgestanzte Elemente, Löcher oder Ausschnitte im Papier, die einen Durchblick erzeugen. Durch ein ausgestanztes Logo zum Beispiel schimmert die Tischfläche oder die Hand der Person durch, die die Karte hält.
Typografie & Gestaltung
Ich habe nun genug über Papier, Veredelung und Format abgenerdet. Natürlich kommt es auch darauf an, was auf der Karte selbst passiert. Und oft passiert zu viel…
Letztens habe ich auf einem Event fünf Visitenkarten bekommen und auf drei von diesen war ein Portrait der jeweiligen Person drauf gedruckt. Also neben den vielen anderen Informationen. Die Karten waren einfach viel zu voll. Und ich verstehe es. Eine Visitenkarte hat nicht viel Platz und man möchte ja irgendwie alles unterbringen, bloß nichts vergessen und möglichst viel sagen. Dabei ist weniger hier oft mehr. Weißraum, das ist eine bewusst freigelassene Fläche im Layout, wirkt selbstbewusst und lässt eine Visitenkarte atmen.

Eine Visitenkarte ist kein Lebenslauf. Sie muss nicht alles erklären, jeden Kanal und jede Kontaktmöglichkeit auflisten. Sie muss nur einen einzigen Impuls setzen und das ist, dass man mehr über dich und deine Marke erfahren möchte. Wer bist du? Was machst du? Wie kann man dich erreichen?
Ich könnte nun über Schriften, Farben und Logoelemente sprechen, aber das wäre ein eigener Artikel. Natürlich ist nichts davon Zufall und man sollte sowohl auf Lesbarkeit, als auch Wirkung achten. Visitenkarten werden gerne schnell mal eben gestaltet und produziert, sind aber wichtiger Bestandteil einer Markenidentität. Es ist oft das erste Medium, auf das ein entwickeltes Brand Design übertragen wird.
Eine Visitenkarte hat grundsätzlich zwei Seiten, aber man muss nicht beide nutzen. Man sieht häufig entweder komplett vollgepackte Rückseiten, oder gänzlich leere. Vielleicht weil der einseitige Druck günstiger war (schade!) oder aber, weil man diese bewusst frei gelassen hat. Eine leere Rückseite kann nämlich super sein, falls man oft etwas händisch notiert und beim überreichen der Karte individuelle Infos mitgeben möchte. Es kann also eine sehr bewusste Entscheidung sein.
Man merkt, dass eine Visitenkarte vielleicht gar nicht so schnell mal eben zu gestalten und produzieren ist und man sich vorher im klaren sein sollte, was man auslösen möchte. Was mir oft auffällt, ist fehlende Konsistenz. Eine Visitenkarte sollte nicht nur den Zweck erfüllen, deine Daten weiterzugeben. Das kann man auch über einen Kontakteintrag im Handy machen. Eine Visitenkarte sollte sich in deine komplette Welt einfügen, bereits ein Gefühl vermitteln und neugierig machen. Sie sollte sich nach derselben Marke anfühlen, der man auch auf der Website oder auf dem Instagram Account begegnet.

Papier, Veredelungs- und Formatentscheidungen sagen oft mehr aus, als der geschriebene Inhalt auf einer Visitenkarte.
Visitenkarten Archetypen. Erkennst du dich?
Ich habe schon viele Visitenkarten gestaltet und in der Hand gehalten. Man erhält eine Karte und weiß oft innerhalb von Sekunden, ob sich die Person wirklich Gedanken gemacht hat oder halt nicht. Hier sind ein paar Kartentypen, die mir immer wieder begegnen:
Die Überladene
Logo, Name, Jobtitel, Untertitel des Jobtitels, Telefon, Mobil, E-Mail, Website, Instagram, LinkedIn, Adresse, ein winziges Foto, auf dem man kaum etwas erkennen kann und wie wärs noch mit einem QR-Code. Das Papier ist dünn, die Schrift klein und irgendwo in der Mitte wäre Goldfolie auch noch gut, oder? Man merkt, dass hier jemand Angst hatte, nicht gesehen zu werden und irgendetwas Wichtiges zu vergessen. Aber genau das Gegenteil passiert. Man weiß nach dem Lesen nicht mehr als vorher, weil man gar nicht weiß wo man anfangen soll.
Die Günstige
250 g/m² Grammatur, reinweiß, einseitig bedruckt. Schwarzer Text in Arial, ein Canva-Template-"Logo". Schnell gestaltet, schnell bestellt, schnell produziert und schnell vergessen. Man merkt der Karte an, dass sie eine Übergangslösung ist. Der Übergang dauert nun schon drei Jahre. Man dachte für den Start erst mal eine günstige Karte. Ich denke: dann lieber gar keine Karte als eine, die sagt "ich nehme meine eigene Marke nicht ernst.”
Die Mutige:
Eine Karte, ungewöhnlich schmal. Schweres Naturpapier, fühlt sich gut an, mit leichter Struktur. Ein Name, eine E-Mail. Nichts weiter. Auf der Rückseite eine einzige Zeile, klein gesetzt. Man dreht die Karte mehrmals um, weil man sicher ist, etwas übersehen zu haben. Hat man nicht. Das ist alles. Sie ist puristisch. Man fragt sich: wer ist das? Dann geht man auf die super reduzierte Website, findet alles, was man wissen muss und das Gesamtbild wirkt. Genau das war der Plan.
Die Halbherzige
Das Branding ist eigentlich gut. Die Website ist durchdacht, der Instagram-Feed stimmig, die Farbwelt wirkt. Und dann reicht jemand eine Karte rüber, die aussieht als wäre sie in zehn Minuten bei einer Onlinedruckerei zusammengeklickt worden. Vermutlich weil man sie für etwas ganz schnell brauchte. Eine Messe oder ein Event stand an. Da musste fix was her. Was, Letterpress dauert 10 Tage? Mist, dann doch erst mal das Zweitbeste! Das passiert erstaunlich oft. Mit dieser Visitenkarte könnte eine sorgfältig aufgebaute Welt zum ersten Mal haptisch wirken. Zeitdruck hat diese Chance zunichte gemacht. Schade drum.
Die Effekthaschende
Eine Karte aus Metall. Oder in Form einer Kamera, weil man Fotografin ist. Oder mit einem eingebauten NFC-Chip der auf die Website weiterleitet, was aber natürlich niemand weiß, weil es nirgends erklärt wird. Der Gedanke dahinter ist richtig: überraschen und in Erinnerung bleiben. Aber der Effekt, überraschen zu wollen, übertönt oft die eigentliche Botschaft. Man redet dann nämlich über die Karte, nicht über die Person dahinter.
Die Konsequente
Man hält sie in der Hand und hat das Gefühl, die Karte passt zur Marke oder zur Person. Das Papier schmiegt sich in die Farbwelt der Website ein. Die Schrift ist dieselbe wie im Instagram-Feed. Das Logo sitzt ruhig und selbstsicher. Eine Tagline zeigt Haltung. Die Karte fällt gar nicht all zu sehr auf, wirkt aber wie eine natürliche Ergänzung der Person oder Marke. Eine Visitenkarte muss nicht “Hier bin ich” schreien, sondern “Das bin ich”.
Und meine?
Ich bin noch dabei. Die Sticker haben ihren Job ganz gut gemacht. Sie haben überrascht und wurden verklebt (hoffe ich). Ich habe sie aus Spaß produziert, gar nicht so sehr als Kartenersatz. Aber sie waren zum Überbrücken da und das wusste ich.
Meine nächste Karte soll unter den Archetypen “Die Konsequente” fallen. Schweres Papier, warm, mit Struktur. Eine Veredelung, aber noch nicht entschieden ob Blindprägung oder doch wieder Folie. Dieses Mal vielleicht ein anders farbiges Colorplan Papier oder eines der Gmund Mother Earth Collection. Leider passt dort die Farbe nicht so ganz. Inhalt: Name, Website, E-Mail. Vielleicht meine Brandmark oder meine Tagline. Und das Papier macht den Rest. Ich zeige sie, wenn sie fertig ist.
Bis dahin, gib du mir deine Visitenkarte. Ich sag dir, wer du bist.
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